Behinderung versus Kultur: Das Gruppengruselkabinett auf Facebook

Wenn ihr meinen Blog bisher verfolgt habt, wisst ihr, dass für viele Gehörlose die Gehörlosigkeit keine Behinderung ist. Sondern sie sehen sich als Angehörige einer Kultur. Falls ihr das nicht wusstet: Lest den Blog (nochmal).

Heute wurde mir klar, wo man das ganz besonders erkennen kann: auf Facebook! Ich nehme euch mit zu einer Gruseltour durch die Facebookgruppen von und für Menschen, die nichts oder nicht gut hören.

 

Auf Facebook gibt es diese praktische Möglichkeit, mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten. So dachte ich. Die tragische Wahrheit wollte ich lange nicht sehen, aber irgendwann bin ich aus allen Gruppen raus, ausser einer bestimmten Art von Gruppe. Diese werde ich ganz zum Schluss beschreiben. (Clickbait!)

 

"Einseitig Taube sind ganz behindert"

Ich selbst bin einseitig taub geboren und erst später vollständig ertaubt. Das Titelbild dieser Gruppe hat mich aber auf den ersten Blick begeistert, denn es zeigte einen Comic mit den Vorteilen einer einseitigen Ertaubung:

- "Der Nachbar macht wieder die ganze Nacht Party? Ich drehe mich einfach aufs taube Ohr und schlafe tief und fest."

- "In der Bibliothek sind wieder Leute, die nicht wissen, dass man an solchen Orten still sein sollte? Ich stütze meinen Kopf auf die Hand, drücke einen Finger ins hörende Ohr und widme mich konzentriert meinen Studien."

- "Eine Seite meiner Kopfhörer ist kaputt! Macht nichts, ich brauche ohnehin nur eine Seite."

Und so weiter. Eine einseitige Ertaubung bringt also durchaus Vorteile! Leider entsprach das Titelbild nicht der allgemeinen Tonalität der Gruppe. Das Mimimi überwog, man tat sich schrecklich leid. Einseitig taub, wir Armen! Der Post "Welche Berufe kommen für uns einseitig Taube in Frage??" und die Antworten darauf waren dann auch der Auslöser für mich, heftig auf den "austreten"-Button zu hauen. Lieber Fragesteller, um deine Frage zu beantworten: Einseitig Taube können alles machen, ausser stereo hören.

 

"Ich bin ertaubt, wo kann ich mich für den Weltuntergang anmelden?"

Ähnlich wie die erste Gruppe, sind Selbsthilfegruppengruppen für Menschen, die als Erwachsene ertaubt sind. Für sie bricht eine Welt zusammen und sie suchen andere, die das Gleiche durchmach(t)en wie sie. Ich kann verstehen, warum man als Spätertauber in solchen Gruppen ist. Teil davon möchte ich trotzdem nicht sein. Ich kann wirklich nicht unter jeden neuen Post schreiben, dass alles gut wird, die Welt nicht untergehen wird und dass man nicht plötzlich nicht mehr Auto fahren darf und immer noch genauso guten oder schlechten Sex wie vor der Ertaubung haben kann.

 

"Internationale Hörbehinderte"

Internationalität ist wichtig und spannend. Sie erlaubt es, sich mit anderen Kulturen auszutauschen und von dem Wissen und den Erfahrungen von anderen zu profitieren. Nach diesem Prinzip arbeiten viele internationale Dachvereine, wo auch ich einige Jahre im Vorstand mitgearbeitet habe. Nun ist es aber eher schwierig, wenn in diesen Gruppen nicht-englische Artikel oder Beiträge gepostet werden. Bestimmt ist dieser Artikel aus Uganda mit den süss lachenden Hörgeräte-Kindern im Titelbild sehr spannend und auf jeden Fall möchte man diesen Mann, der stolz eine Medallie, auf der ein fettes Schwerhörigen-Symbol prangt, für seine zweifelsohne aussergewöhnliche Leistung beglückwünschen. Wenn man nur Chinesisch könnte! Es ist einigermassen ironisch, dass ausgerechnet eine Gruppe für Menschen, die im realen Leben schon genug mit Kommunikationsbarrieren zu kämpfen haben, auch noch auf Facebook solche verursacht. Spannende Artikel in nur einer Sprache sollte man vielleicht besser in nationalen Gruppen teilen oder wenigstens eine kurze englische Zusammenfassung liefern. 

 

"Wir müssen uns upgraden!"

In eine ähnliche Kerbe wie die ersten zwei Gruppen schlägt auch diese Gruppe. Mitlglieder dieser Gruppen sind ständig auf der Suche nach einer Verbesserung ihres Hörvermögens und verbrauchen dafür unglaublich viel Energie. Es werden fleissig die neuesten Hörgeräte und Hörimplantate geteilt und bewertet. Kein Sitzungsmikrofonsystem, das hier nicht ausführlich auseinander genommen wird. Diese Beiträge werden auch gerne mit von Rührung triefenden Werbefilmchen der Hersteller geschmückt, in denen perfekte Kinder ihre Mütter mit Geigenspielen verzüchten, glücklich lachend mit Papa Hand in Hand über Wiesen hüpfen und Erwachsene, die höchst erfolgreich irgendwelche wichtig aussehenden Präsentationen vor ebenso glücklichen Anzugträgern halten. Hach, wie schön die Welt doch ist. Wenn man das perfekte Hörgerät hat. Oder ein Hörimplantat. Überhaupt, habt ihr alle schon dieses allerallerneuste Video von diesem Baby gesehen, dass seine Mama zu ersten Mal anlacht, als man sein neues Hörimplantat eingestellt hat?! 

Wenn man sich aber den ausgekotzten Regenbogen aus den Mundwinkeln gewischt hat, kann man in diesen Gruppen wirklich gute und neue Infos sammeln, die man sich sonst mühsam selbst zusammen suchen müsste, oder man müsste sich voll und ganz darauf verlassen, dass sich der eigene Akustiker in solchen Gruppen tummelt. 

 

"Gebärdensprache ist böse! Verbrennt sie!"

Es gibt eine bestimmte Art von Menschen mit einer Hörbehinderung, die von Gebärdensprache absolut nichts wissen wollen. Sie halten sie für

a) eine primitive Art der Verständigung

b) eine Verhinderung zur Interaktion mit der Welt. (Und es gibt nur eine Welt und zwar die der Hörenden.)

c) zu kompliziert

In diesen Gruppen wird darüber diskutiert, wie man den (hörenden) Menschen klarmachen kann, dass man sie, ihre Ahnen und ihre Kuh* zu Tode beleidigt hat, wenn man sie fragt, ob man für sie einen Gebärdensprachdolmetscher organisieren soll.  Überhaupt sei es total unfair, dass man bei Gehörlosen nur an Gebärdensprache denke. Dabei geben sich diese Gruppenmitglieder so viel Mühe, den Hörenden dermassen tief in den Arsch zu kriechen, dass es ohnehin viel zu dunkel wäre, um Gebärdensprache erkennen zu können.

 

*Schaut den Film Mulan. Der hat zwar absolut nichts mit dem Thema Gehörlosigkeit zu tun, aber er ist gut. Und je mehr Disneyfilme ihr schaut, desto mehr Disneyreferenzen kann ich in meine Texte streuen. 

 

"Wir Angehörigen von Betroffenen"

Gleich vorweg: Habt ihr in eurem Umkreis Menschen mit einer Hörbehinderung, meldet euch nicht in dieser Gruppe an. Natürlich habt ihr Fragen, natürlich wollt ihr euren Liebsten oder diesem neuen schwerhörigen Mitarbeiter so gut wie möglich helfen. Ich habe da einen ganz krassen Life-Hack für euch: Fragt. die. betreffende. Person.

Mind: Blown!

Aber mal im Ernst: Fragen wie "Soll ich für meinen Freund die Gebärdensprache lernen?" oder "Warum ist der neue Mitarbeiter taub?" kann euch im Internet keiner beantworten. Auch Fragen von allgemeinem Interesse wie "Wie kann ich mein Kind dazu bringen, dass es sein Hörgerät nicht dauernd heimlich ausstellt?" lassen sich hier einfach nicht wirklich beantworten. Das Schlimmste aber finde ich diese Angehörigen, die sich ganz furchtbar leid tun, weil ihr Kind mit einer Hörbehinderung geboren wurde / ihr Partner ertaubt ist / sie unglücklich in diese gehörlose Frau im Bus verliebt sind. Es ist schon genug daneben, mit Gehörlosen und Schwerhörigen ihres Hörvermögens wegen Mitleid zu haben. Aber sich auch noch selbst leid zu tun, weil eine gehörlose oder schwerhörige Person in ihrem Leben ist, ist wirklich ein starkes Stück. Haut euch doch einfach jeden Morgen selbst ins Gesicht. Dann könnt ihr euch wirklich leid tun.

 

"Gehörlose können alles, ausser hören."

In Gruppen mit gebärdensprachlichen Gehörlosen geht es um vieles: Um Hörgeräte, um Reisen, um Musik, um Politik, um die seltsame Frau an der Bushaltestelle vorhin, um die Schule, um den blöden Boss, um den süssen Verkäufer im Supermarkt, um den internationalen Tag der Gebärdensprache, um die Buchvernissage eines neuen Comicbuches eines gehörlosen Zeichners, um den Uniabschluss der ersten gehörlosen Studentin eines Landes, um Missverständnisse mit Hörenden, um diese gehörlose Sängerin in America's got Talent, um Sign Mark, um das Vorlesungsverzeichnis der Gallaudet University und  und und ...

Worum es da nicht geht? Um Selbstmitleid. 

 

 

 

 

 

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