Die Sache mit dem Energiemanagement

Nichthörend zu sein, kostet Energie. Die Schwerhörigkeit selbst ist nicht die (primäre) Behinderung, sondern der damit verbundene massiv erhöhte Energieverbrauch. Ich möchte dazu einige Erlebnisse aufschreiben, um euch einen Einblick in das tägliche Energiemanagement zu geben. Ausschlag für diesen Artikel war folgende Begebenheit:

 

Vor ein paar Monaten war ich wieder mal im Café des Signes und habe es sehr genossen, mich intensiv auf Gebärdensprache unterhalten zu können. Leider bin ich da etwas eingerostet, da meine gebärdensprachlichen Freunde über die ganze Schweiz (und Deutschland) verteilt sind und ich sie daher nicht so oft sehe. Als ich nach ein paar Stunden nach Hause fuhr, merkte ich, dass ich mich immer noch ziemlich fit f¨ühlte. Normalerweise bin ich, wenn ich aus war, dananch fix und fertig. Und egal, wie toll ein Abend mit Freunden war, könnte ich auf dem Heimweg immer vor Erschöpfung heulen. Selten wurde mir wie auf dieser Zugfahrt nach Hause bewusst, wie anstrengend lautsprachliche Kommunikation ist.

 

Ist es nicht absurd, wie viel weniger Energie es mich kostet, eine (gebärdensprachliche) Fremdsprache zu benutzen als meine Laut-/Muttersprache?

 

Kommen ein paar Schwerhörige zusammen, kommt sehr schnell das Thema Barriere und/oder Hörgeräte-Versorgung auf. Denn es ist ganz einfach ein RIESENGROSSER Teil ihres Lebens! Die meisten Schwerhörigen bewegen sich grösstenteils in der hörenden Welt, benutzen die Lautsprache und kommunizieren mit Hörenden, auch ich. Und das ist unglaublich anstrengend. Ich versuche, das mal zu erklären:

 

Stellt euch vor, ihr seid in einem Sprachaufenthalt in einem Land, dessen Sprache ihr gerade mal auf dem Grundniveau beherrscht. Ihr könnt einigermassen einen Kaffee bestellen und freundlich Smalltalk führen, werdet ihr nach dem Weg gefragt, könnt ihr freundlich lächelnd erklären, dass ihr euch hier selbst nicht auskennt. Nun müsst ihr aber auch auf Ämter, ihr müsst im Bus nach dem richtigen Ticket fragen, ihr steht am Bahnhof und euer Zug fährt nicht so, wie es angeschrieben ist, die Verkäuferin an der Kasse versucht, euch klar zu machen, dass ihr ihr zu wenig Geld gegeben habt und so weiter. Natürlich hört ihr zwar gut, aber die fremde Sprache macht es euch dennoch schwer, an Informationen zu kommen, die ihr wirklich braucht. Am Ende des Tages werdet ihr k.o. ins Bett fallen und euch fragen, ob ihr das auf dem Amt richtig verstanden habt und wirklich alle Fristen richtig notiert habt, ob der Bus morgen zur Schule / zum Arbeitsplatz richtig recherchiert ist, was ihr macht, wenn der Zug wieder so viel Verspätung habt und in welches Geschäft ihr in Zukunft einkaufen gehen sollt, weil ihr nie wieder dieser einen Verkäuferin begegnen wollt. Ihr schlaft mit mit Gedanken ein, dass ihr unbedingt mehr Wortschatz lernen müsst.

 

Schwerhörige können aber nicht einfach mehr Wortschatz lernen. Den können sie ja schon! Aber sie verstehen ihn nicht, weil 

a) die meisten Leute einfach total undeutlich sprechen und ungern wiederholen,

b) es immer viel Hintergrundlärm gibt, der die Stimmen verschluckt,

c) sie nach dem dauernden von den Lippen-Ablese-Versuchen einfach keine Energie mehr haben,

d) immer und überall Musik laufen muss. Ernsthaft, was soll der Scheiss?!

 

Wenn ich an meine Schulzeit in der Regelschule zurückdenke, sehe ich mich entweder gelangweilt aus dem Fenster starren, ob versuchen, nicht zu weinen, weil alle über mich lachen und ich keinen Plan habe, warum. Gerade letzeres ist als Kind natürlich sehr unangenehm und ich war sehr oft in dieser Situation. Meistens sagte oder machte ich etwas, weil ich die Lehrperson und/oder die Mitschüler falsch verstanden hatte. Die Lehrpersonen waren unsensible Klötze* und die Schüler hielten mich schlicht für dumm. Weil es so supersupersuperanstrendend war, mich dauernd auf Lehrerlippen zu konzentrieren, die meistens sowieso zur Tafel statt zur Klasse redeten, schaute ich meistens einfach gelangweilt aus dem Fenster. Wurde ich dann (meistens gerade wegen meiner Rumträumerei) aufgerufen (worauf ich erst reagierte, wenn mich jemand anstiess), reagierte ich meist instinktiv so, wie ich annahm, dass es die Situation verlangte. Ich sagte also wahlweise einfach irgendeine Zahl im Matheunterricht oder "ich weiss es nicht" oder ja/nein in allen anderen Stunden. War da die Frage der Lehrperson, ob ich da sei und ich mit nein antwortete, war das für die anderen natürlich witzig. Antwortete ich mit der völlig falschen Zahl, war ich dumm. Stand ich auf, in der Annahme, dass ich an die Tafel oder so sollte, lachten natürlich auch alle. In der Sekundarschule (7. -9. Klasse) sagte ich dann einfach gar nichts mehr. Ich verstummte fast komplett.

Wenn ich mich aber zusammenriss und dem Unterricht wirklich folgte (den Deutschunterricht und Geschichte, Bio etc. fand ich unglaublich spannend), kostete das Energie. Und zwar viel. Sehr viel. Wenn dann in der Pause alle Kinder spielen wollten, zog ich mich in eine ruhige Ecke zurück, um meinen Energiebalken wieder aufzufüllen. Wurde ich dabei gestört, reagierte ich aggressiv. So wurde ich schnell "die Tollwütige". 

An den meisten Schultagen verschlief ich mittags (in der Schweiz geht man mittags nach Hause) das Mittagessen und fiel nach dem Nachmittagsunterricht direkt ins Bett. Zum Spielen verzog ich mich in den Wald, wo ich nicht kommunizieren musste, oder verschwand in Büchern - einer Welt, in der es keine Barrieren für mich gab.

 

Ähnlich ging es mir dann auch im Studium. Da hatte ich zwar längst meine Strategien entwickelt, aber ich WOLLTE mitmachen, ich WOLLTE dem Unterricht folgen, ich WOLLTE mitdiskutieren und das tat ich auch. Im ersten Semester meines Masterstudiengangs verzog ich mich nach einer Doppelstunde jeweils aufs Klo und heulte einfach mal die Pause durch, weil ich so erschöpft war. Nach einem Semester war mir klar, dass ich das nicht so weiter durchhalten konnte und beantragte einen Schriftdolmetscher. Statt einer Bewilligung erhielt ich eine "Einladung zum Berufsberatungsgespräch", denn offenbar dachte man, dass ich mit meiner "Hörbehinderung" ja wohl unmöglich als Lehrerin arbeiten könne (was ich zu diesem Zeitpunkt seit schon 4 Jahren tat). Also organisierte ich mehrere Empfehlungsschreiben von Dozenten und meiner Chefin, die alle bestätigten, dass ich sehr wohl als Lehrerin tätig sein könne und diese Aufgabe auch noch sehr gut erfüllen würde. Vor dem "Berufsberatungsgespräch" habe ich kein Auge zugetan und ging dann in vollem Businessoutfit und mit kompletten (sehr guten!) Bewerbungsunterlagen inklusive aller Empfehlungsschreiben an dieses Gespräch. Zum Glück war der zuständige Bearbeiter sehr nett und verstand sofort, dass eine Berufsberatung hier überflüssig wäre. Ich bekam meine Dolmetscher zugesprochen. Also meldete ich mich bei ProAudito, musste dann erst meine Dozenten wegen des Stundenplans nerven, damit ProAudito überhaupt eine Offerte erstellen und Dolmetscher einplanen konnten, schickte alles dem Amt, musste einige weitere Dokumente ausfüllen, den Dozenten wegen Unterrichtmaterial nachrennen (damit die Dolmis sich vorbereiten konnten) und das ganze Spiel jedes Semester wieder aufs Neue. Jedesmal kostete das mehrere Stunden Aufwand, aber dafür konnte ich endlich entspannt dem Unterricht folgen. Hörende Studierende setzen sich einfach ins Seminar und gut ist. Sie können sogar noch rumkritzeln oder gleichzeitig simsen etc. Solchen Luxus kann ich mir nicht leisten. Will ich etwas mitkriegen, muss ich 100% da sein, die sprechenden Personen anstarren (oder auf den Bildschirm des Dolmis) und absolut konzentriert sein.

Freunde findet man mit einem Dolmetscher an der Seite übrigens eher weniger. Die hörenden Studis getrauen sich nicht, einen anzusprechen, weil sie nicht wissen, ob man sie überhaupt versteht ohne Dolmetscher. Man ist einfach "die Komische". Das wiederum ist hinderlich, wenn man mal Lektionen verpasst und jemanden sucht, der einem seine Notizen überlässt.

 

Zusammenfassung: Weniger als der Durchschnitt zu hören, ist anstrengend. Man muss sich überall beweisen und besser sein als der Durchschnitt, um als noch genügend wahrgenommen zu werden (vor allem beruflich!). Man muss sich ständig um Kommunikation kümmern und am Ende des Tages ist man einfach nur müde. 

 

Nachtrag: Falls du nicht so gut hörst und du KEIN Hörgerät hast, tu dir selbst einen Gefallen und besorge dir eins. Vielleicht kannst du auch ohne den Gesprächen folgen, vielleicht verstehst du alles, was man dir sagt, aber es kostet dich einfach mehr Energie als andere. GEH ZUM AKUSTIKER! Mach einen Hörtest, zieh das verdammte Ding an und spar dir deine Energie für wichtigere Dinge! Niemand hat etwas davon, wenn du abends müde und schlecht gelaunt bist, am allerwenigsten du. Keiner sagt danke, weil du kein Gerät am Ohr trägst. Ich sage es noch einmal: Die Schwerhörigkeit selbst ist nicht die (primäre) Behinderung, sondern der damit verbundene massiv erhöhte Energieverbrauch.  

 

Nachtrag 2: Ich habe mich hier einfach quer durch das Thema getippt und deshalb gibt es vermutlich Punkte, die nicht ganz so klar sind. Deshalb bin ich gerne bereit, eure Fragen zu beantworten und/oder Stellen zu erklären.

 

*Ich muss hier erwähnen, dass ich einen Lehrer hatte, der sich sehr viel Mühe gab. Er sprach beispielsweise erst weiter, wenn alle Kinder ihre Hefte rausgeholt hatten, blickte immer in die Klasse und schrieb immer alles an die Tafel. Ich konnte ihn zwar auf den Tod nicht ausstehen, aber im Rückblick ist mir klar, dass er sich wirklich Mühe gab und das ist super! Herr Bischof, falls Sie das hier lesen, soll mich der Blitz treffen! :-)

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Kommentare: 1
  • #1

    Spielesocke (Samstag, 26 August 2017 17:23)


    Hallo, ich fand deine Blogeinträge sehr informativ und habe einiges dazu gelernt. Vor allem auch welche Begrifflichkeiten und Annahmen diskriminierend sind.

    Ich interessiere mich für die Gebärdensprache und deine Beiträge sind noch einmal eine große Motivation sich damit auseinanderzusetzen.
    Kennst du eventuell eine Webseite oder Lernmaterial welches du besonders empfehlen könntest?