"Hast du keine Angst, dass dein Kind so werden könnte wie du?"

Und warum rege ich mich jetzt so darüber auf?
mehr lesen 0 Kommentare

10 Dinge, die ich an meiner Gehörlosigkeit hasse:

Ich bin zufrieden nichthörend. Ja, wirklich! Ich habe kein Problem damit, nicht zu hören. Es ist die hörende Welt, die nur schlecht damit umgehen kann, dass es Leute gibt, die nicht oder weniger hören. Die Dinge, die mich wirklich an meiner Gehörlosigkeit nerven, sind also eigentlich die Hörenden, ihre seltsamen Ansichten und ihre Steine, die sie uns in den Weg legen.

Gleich vorweg: Ja, ich weiss, dass die es meisten nicht böse meinen oder nicht besser wissen und dass das Thema Behinderung als Minenfeld gesehen wird. Trotzdem frage ich mich manchmal, wie man eigentlich mit so wenig Wissen so weit durchs Leben kommt. Oder noch schlimmer, sich ein komplett falsches Bild machen kann. Filme und Bücher bemühen sich seit Jahrzehnten, ein möglichst korrektes Bild zu vermitteln. Deshalb ist es mir ein Rätsel, wie manche auf manche Irrglauben kommen. Tatsächlich stellen Kinder viel bessere Fragen, wichtigere Fragen und sie diskutieren auch nicht lange, sondern sie erkennen, dass du selbst ja wohl ein Experte für deine Behinderung bist. 


1. "Man hört dir gar nicht an, dass du hörbehindert bist!"

Ich bin einseitig taub geboren, das heisst, ich habe bis im Alter von ca. 20 Jahren auf einem Ohr gehört und konnte somit den Spracherwerb mehr oder weniger normal durchlaufen. Natürlich hatte ich Logopädie (Oh, wie habe ich diese Stunden GEHASST!), aber dass ich "normal" klinge, ist wirklich kein Verdienst. Für die meisten Geburtsgehörlosen oder -schwerhörigen ist der Erwerb der Lautsprache unglaublich anstrengend und geht auf Kosten der weiteren Schulbildung. Sagt man mir also anerkennend, dass ich für eine Gehörlose deutlich spreche, ist das für andere indirekt eine Ohrfeige: "Guck mal, die spricht so deutlich. Warum du nicht??" Mit diesen Federn möchte ich mich nicht schmücken.

 

2. Terminologie

Es gibt fast so viele Begriffe für Menschen mit einer Hörbehinderung wie Menschen mit einer Hörbehinderung. Oder mit einer Hörschädigung oder Höreinschränkung oder ... Sie sehen, worauf ich hinaus will. Was mich aber einfach immer wieder rasend macht, ist, wenn ich in den Medien das Unwort "taubstumm" lese. Ich werde in einem anderen Blogeintrag genauer ausführen, warum dieses Wort nicht verwendet werden sollte. Bis dahin muss es Ihnen reichen, es einfach zu akzeptieren und das Wort aus Ihrem Wortschatz zu streichen. Versuchen Sie nicht, den Gebrauch zu rechtfertigen, denn Sie wissen es jetzt besser. Packen Sie das Wort in die gleiche Kiste wie Neger, Zigeuner, Jugo, Liliputaner, Spast, Mongo und so weiter. (Falls eines dieser Wörter noch nicht in dieser Kiste ist, packen Sie es bei dieser Gelegenheit doch gleich dazu. Danke.) Verwenden Sie stattdessen gehörlos, hörgeschädigt, taub oder schwerhörig. Oder nichthörend. 

 

3. "Kannst du Lippenlesen?"

Diese Frage kommt immer, absolut immer und eigentlich finde ich sie ja ok. Kommunikation ist etwas Spannendes und noch viel mehr, wenn sie nicht über die üblichen Kanäle läuft. Doch die Folgefrage auf diese Frage ist leider auch immer: "KUANNSCHT DU MICH JEATZTTT VEASTEOANEN???" Während der Fragesteller seine lebensechte Darstellung einer wiederkäuenden Kuh noch zu Ende bringt, weiss ich schon nach der ersten Silbe, was er gefragt hat. Jedoch nicht, weil ich es hätte von den Lippen ablesen können. Niemand könnte das ablesen. Sondern, weil diese Frage eben immer kommt, egal wie lange wir vorher völlig normal miteinander geredet haben. (Sie finden das absurd? Ja, ich auch.)

An dieser Stelle möchte ich ein paar Facts zum Lippenablesen loswerden:

In der deutschen Sprache kann man gerade mal 30% an den Lippen absehen. Das allerdings auch nur, wenn das Licht stimmt, die Person deutlich und langsam spricht, keinen Bart oder Niqab trägt, die Hand nicht vor den Mund hält (ernsthaft, warum machen das so viele Hörende?), kein "Unterlippensprecher" ist und ich die Person und damit ihre Mundbewegungen gut kenne. Mit ein paar zusammenhangslosen Buchstaben habe ich aber noch keinen Satz verstanden. Ich brauche Kontext! Tatsächlich ist Lippenlesen eher eine kombinatorische Kunst, bei der man das Thema, die wenigen ablesbaren Lippenbewegungen und die ganze Mimik und Körpersprache in einen Topf schmeisst, gut durchschüttelt, 2-3 Sekunden bei Ober- und Unterhitze bäckt und dann schaut, was dabei rauskommt.

 

4. "Sorry, dass ich so viel frage."

Grundsätzlich habe ich nichts gegen Fragen. Ich finde es wichtig, dass man die Leute aufklärt, und wenn sie schon eigenes Interesse zeigen, honoriere ich das gerne mit Antworten. Manchmal aber möchte ich einfach als Mensch wahrgenommen werden. Bitte akzeptieren Sie, dass ich auch nicht immer Lust habe, immer und überall über dieses Thema zu sprechen. Ich bin ein interessanter Mensch, nicht nur ein Hörstatus.


5. "Du bist sicher mega froh um das Implantat."

Nein. Es gab mal eine Zeit, in der ich froh darum war. Inzwischen empfinde ich so etwas wie eine Hassliebe zu dem Gerät, leider weniger Liebe als etwas anderes. Für viele Hörende scheint ein Hörimplantat der leibhaftige Messias zu sein. Was ich bei dieser Art Aussage höre: "Die arme Behinderte! Bestimmt ist es ganz schrecklich, nichts zu hören und mit dem Implantat macht ihr Leben endlich Sinn!"

Für ein erfülltes Leben braucht man aber nicht zu hören. Überraschung! Ganz im Gegenteil: Hören ist für mich Stress. Es gibt auch viele Gehörlose, die ihr Implantat ablehnen. Natürlich gibt es auch viele, die es lieben und froh darum sind. Das Implantat ist ausserdem eine ziemliche tolle Sache für Spätertaubte, die in der hörenden Welt aufgewachsen sind und diese (verständlicherweise) nicht aufgeben möchten. 

Ich bin aber als einseitig taub Geborene und später vollständig Ertaubte zwischen den Welten aufgewachsen und ich habe mich auch ohne Geräusche sehr wohl gefühlt. Zwar ermöglicht es mir, als Lehrerin zu arbeiten, was ich sonst nicht könnte. Aber es macht Kopfschmerzen, schürt falsche Erwartungen, tut dauernd weh und macht eine Kommunikation mit Hörenden plötzlich sehr unangenehm, wenn es mal ausfällt. Und keinesfalls hat es mich "geheilt". Warum habe ich mich dann überhaupt implantieren lassen? Nur wegen des Tinitus. Stellen Sie sich vor, Sie hören nichts, ausser ein arhythmisches, disonantes Gekreische und das dauernd. Schon Hörende haben genug an einem Tinitus zu knabbern. Für mich als Gehörlose aber ist es einfach nur grausame Ironie, der ich nicht entrinnen konnte. Mit dem Implantat kann ich immerhin Musik hören oder dagegen ansingen oder Fluchwörter rappen.

Das Implantat ist für mich ein sehr wunder Punkt, an dem ich immer mehr zu knabbern habe. Gerne möchte ich dazu in einem weiteren Beitrag mal mehr dazu schreiben. Aktuell kann ich das aber noch nicht, ohne den Wunsch nach satanistischen Ritualen gegen Scheuklappen tragende "Fachleute" und überengagierte Laien auszuleben.


6. "Ich höre manchmal auch schlecht, so in Discos oder wenn tausendundeine Personen gleichzeitig reden!"

Ist nicht war, echt?! Wow! *Augenrollgeräusch*

Zwar erkenne ich den Versuch und Wunsch, Gemeinsamkeiten herzustellen, aber ganz ehrlich, er ist dämlich. Oder würdest du einer dunkelhäutigen Person sagen: "Oi, wenn ich mir Farbe ins Gesicht kleistere, habe ich auch dunkle Haut! Sind wir jetzt Freunde?"

 

7. "So toll, dass du zu deiner Behinderung stehst!"

Ich würde ja dazu sitzen, aber hier ist gerade kein Stuhl. Ausserdem, was soll ich denn sonst tun? Meine Wohnung hat keinen Keller, in den ich mich einschliessen könnte, um mich schamvoll mit meiner grotesken Entstellung vor der Welt verstecken zu können. 

 

8. Kannst du Kinder kriegen? Darfst du Autofahren?

Ich frage mich immer noch, ob Hörende vielleicht ihre Kinder mit den Ohren zur Welt bringen. Kommt daher der Begriff "der Mann im Ohr"? Und wie fahren Hörende Auto, mit der Ohrmuschel? 

So dämlich die Fragen auf den ersten Blick sein mögen, sind sie aber leider gar nicht. Die Kinderfrage ist historisch bedingt: Früher und vor allem in der Nazi-Zeit war es Gehörlosen verboten, Nachkommen zu zeugen. Man wollte damit verhindern, dass sich das defekte Erbgut weiterverbreitet. Dass gerade mal 10% der Gehörlosen aus erblichen bedingt gehörlos sind, wusste man damals vermutlich nicht. Zum Glück gelten diese Regeln heute nicht mehr und Gehörlose dürfen heiraten, Kinder kriegen, Kinder gut oder schlecht erziehen und wenn sie wollen, sich auch scheiden lassen. Es gilt dasselbe Recht wie für Hörende. Heutzutage kennen die meisten Hörenden diesen geschichtlichen Hintergrund nicht mehr. Weshalb ich nicht verstehe, dass sich der Gedanke, dass Gehörlose keine Kinder haben oder nicht heiraten dürfen, weiterhin hartnäckig in den Köpfen der Leute festhält. 

Zum Thema Autofahren: Gehörlose dürfen Auto fahren und tun dies, wie die meisten Hörenden, mit den Händen und Füssen. Vielleicht können Sie mir aber erklären, warum so viele Hörende denken, man müsse zum Autofahren etwas hören können. Tatsächlich machen Gehörlose prozentuall gesehen weniger Unfälle als Hörende. Denn im Gegensatz zu Musik hörenden oder telefonierenden Autofahren sind sich Gehörlose daran gewöhnt, sich auf ihre anderen Sinne zu verlassen. Hörende, die Musik hören oder am Steuer telefonieren, sind aber sofort stark eingeschränkt.

"Aber die Sirenen!", rufen jetzt sicher einige aus. Wenn ich am Steuer sitze, bemerke ich Krankenwagen, Polizei und/oder Feuerwehr meist vor meinen hörenden Beifahrern. Ich sehe das Blaulicht in Rückscheiben, Schaufenstern, im Rückspiegel oder merke durch das Verhalten der anderen Autofahrern, dass etwas passiert. 

Kleiner Tipp am Rande: Wenn Sie dünne Nerven haben, fahren Sie nie bei einer gebärdenden Person mit. Die Hände sind einfach zu selten auf 10 und 2 Uhr. 


9. "Beeindruckend, dass du es trotz deiner Behinderung so weit gebracht hast."

Ich empfinde diese Aussage als Beleidigung. Andere Leute haben das gleiche wie ich erreicht und das mit der Fähigkeit, akustische Signale wahrzunehmen. Ist ihre Leistung so schlecht, wenn meine so gut ist? Oder heisst das, ich wäre noch viel weiter gekommen, wenn ich hören könnte? Ist meine Leistung banal, wenn ich hören könnte? 

 

10. "Ich habe von diesem neuartigen Implantat gelesen. Das wäre doch was für dich!"

Leider kommt es immer wieder vor, das man mir von irgendwelchen Neuartigkeiten erzählt, um mir die Erlösung aus meinem offensichtlichen Leid zu bringen. Ich finde das respektlos, kurzsichtig und unglaublich indiskret. Oder gehen Sie zu fremden Leuten hin und sagen: "Ich habe von dieser neuartigen Inkontinenz-Windel gelesen. Das wäre doch was für Sie!" 

Ausserdem können Sie davon ausgehen, dass "Betroffene" jeder Art sich bereits ausführlich über alle Möglichkeiten informiert haben. Es gibt nämlich Betragungsstellen, Ärzte und dieses neuartige Ding, Internetz heisst es. Da steht total viel drin!

 

11. "Oh, ein Hörgerät! *glooootz*"

Ja, ich dekoriere mein Implantat und trage bunte Otoplastiken. Allerdings ist das kein Freipass, mich dauernd anzuglotzen. Niemand wird gerne angestarrt, egal weshalb.  Ich verstehe ohnehin nicht, was es da denn so lange zu glotzen gibt. Warum starren Leute Rollstuhlfahrer an? Erwarten sie, dass irgendwas Spannendes passiert? Spoiler: Es passiert nichts.

 

12. Entweder gehörst du zur hörenden oder zur gehörlosen Welt.

Diese Aussage muss ich mir tatsächlich von beiden Welten immer wieder anhören (haha, verstehen Sie? "Anhören"! Egal.) und ich finde sie furchtbar. Ich wurde einseitig taub geboren und war damit von Anfang an weder das eine noch das andere. Ich war zu hörend, um schwerhörig oder gar gehörlos zu sein, aber zu hörbehindert, um hörend zu sein. Als Kind möchte man nicht einzigartig sein, sondern dazu gehören. IRGENDWO! Als ich dann auf dem zweiten Ohr auch ertaubte, dachte ich erst: "Geil, endlich gehöre ich ganz zu einer Seite!" Aber für jene Seite war ich dann auch nicht wirklich typisch genug. 

Heute kann ich gut damit leben, weder das eine noch das andere wirklich zu sein. Ich bin gerne "etwas Besonderes" und geniesse das Privileg, mir aus beiden Welten das Beste auspflücken zu können.

 

13. Die mit dem Hörgerät

So würde wohl mein Indianername lauten, zumindest wenn es nach den Hörenden geht. Bitte, ich habe einen Namen und ganz viele weitere Attribute: Ich bin klein, ich lisple, ich habe rote Haare und eine auffällige Brille. Ich bin Linguistin, Übersetzerin und Lehrerin. Nennen Sie mich "Die mit dem Star Trek-Abzeichen am Rucksack" oder "Die immer über jedes Steinchen stolpert".

 

Nun gut, es sind mehr als 10 Dinge und ich könnte die Liste noch länger machen, aber ich habe Hunger und Ihnen tun vermutlich längst die Augen weh vom Lesen. Als Hörende sind Sie sich ja nicht so daran gewöhnt, sich visuell anzustrengen, Sie armes Ding. Oder?

 

 

 

mehr lesen 2 Kommentare

Eine Frage der Definition

Ich bin ein Mensch.

Andere Menschen nehmen mich aber in ersten Linie als etwas anderes wahr: als gehörlos, schwerhörig, hörbehindert, Implantat-Trägerin ... anders halt. Für diese Menschen bin ich nicht in erster Linie eine junge Frau um die 30. Ich bin für sie auch keine Linguistin,  Lehrerin oder kein Bücherwurm, sondern halt ... irgendwie ... "Ja, was bist du denn jetzt eigentlich?"

 

Es liegt nun mal in der Natur des Menschen zu kategorisieren. Das ist auch legitim, dient es doch schon seit Jahrtausenden der Erleichterung der Kommunikation innerhalb unserer Spezies. Männlein/Weiblein/Kind, Freund/Feind/Hintergrunddeko, Beute/Jäger/Koch, Chef/Sklave, Normaler/Unnormaler. Doch bei der Definition meines Hörstatus tu ich mich selbst auch schwer, denn ich bin nicht typisch das eine oder das andere. Ich bin irgendwie zu hörend, um gehörlos zu sein. Als Implantat-Trägerin (dazu ein andermal mehr) bin ich auch nicht hörend. Schwerhörig dann vielleicht, also hochgradig, weil irgendwie höre ich ja nichts? Oder einfach hörbehindert? ... "Ja, was denn nun?!" Mein persönliches Lieblingsadjektiv ist "nichthörend" oder einfach "nicht hörend".

 

Auf Twitter wird mir immer mal wieder gesagt, dass "sie" (also die "anderen") durch mich viel über die Welt der Gehörlosen (Schwerhörigen, Hörbehinderten, Dreiköpfigen etc.) gelernt hätten. Ich wehre mich jedoch entschieden dagegen, ein typisches Beispiel zu sein und habe deshalb immer wieder alle Hände voll zu tun, meine persönliche Wahrnehmung und die von anderen irgendwie Andershörenden zu erklären. In diesem Blog möchte ich aufzeigen. Keinesfalls die "einzige Wahrheit" verbreiten, aber zumindest die, wie ich sie durch meine Forschung, meinen Alltag und "Ähnlichbetroffene" wahrnehme.

 

Sobald sich meine Finger von den ganzen Gänsefüsschen erholt haben, werde ich mit dem Blog weiterschreiben. Bis dahin: Trinken Sie eine Tasse Tee.

mehr lesen 2 Kommentare