Gebärdensprachverbot

Über meinen Twitteraccount werde ich immer wieder von hörenden Eltern hörender Kinder gefragt, ob ich "Zwergensprache" -  also eine Art Gebärdensprache für hörende Babys -  befürworte. Wenn auch die Zwergensprache nicht mit der Deutschen oder der Deutschschweizerischen Gebärdensprache vergleichbar ist, freue ich mich immer über das Interesse an alternativen Kommunikationsmethoden. Doch jedesmal hinterlässt diese Frage auch einen schalen Beigeschmack. Um das zu erklären, muss ich in der Geschichte einige hundert Jahre zurückgehen. Get ready for a sad story. (Grosse Teile des folgenden Textes habe ich aus meiner eigenen Masterarbeit entnommen. Für mehr Lesefreundlichekeit habe ich die Quellenverweise entfernt - interessierten Fachleuten kann ich jedoch das ausführliche Quellenverzeichnis geben.)

 

Jahrhundertelang galten Gehörlose als unbildbar. Aristoteles (384-322 v. Chr.) zum Beispiel war überzeugt davon, dass man ohne Hörvermögen auch nicht lernen könne , was zu einer Zeit, in der Wissen in erster Linie mündlich vermittelt wurde, vermutlich sogar Sinn ergab. Leider wurde diese Auffassung bis zur Zeit der Aufklärung kaum in Frage gestellt. Erst dann überlegte man, dass Gehörlose abgesehen vom Hörsinn alle Sinne besässen und somit eigentlich lernen könn(t)en. Von da an wurden Gehörlose vor allem aus wissenschaftlicher Neugier unterrichtet. Diese Versuchsschüler*innen waren oft gehörlose Kinder von Aristokraten und wurden von Privatlehrern unterrichtet. Einige mittellose Gehörlose wurden, wenn auch mit deutlich geringerem Aufwand, vor allem aus dem Grund beschult, weil man davon ausging, dass Menschlichkeit nur durch Bildung erlangt werden könne. Ohne Bildung galt man also nicht als Mensch und war rechtlos. 

Diese Menschlichkeit wurde den Gehörlosen im Nationalsozialismus wieder aberkannt. Während dieser Zeit vertraten verschiedene Schulleiter in Deutschland und teilweise auch in der Schweiz die Ansicht, dass Gehörlose besser nicht beschult werden sollten, damit sich diese «nicht auf Kosten der nicht-behinderten Bürger verbreiteten». Es war also schon immer schwierig für Gehörlose, Bildung zu erhalten - was aber nicht an ihnen oder ihrem fehlenden Hörvermögen lag, sondern an einer Reihe Hörender, die über Gehörlose bestimmten und ihnen den Zugang zu Bildung verwehrte oder die Fähigkeit zu lernen schlicht absprach. 

 

Während darüber diskutiert wurde, ob Gehörlose unterrichtet werden können, lief parallel die Diskussion, wie sie unterrichtet werden sollen. Alle Leser, die schon etwas von Abbé de l'Epée gehört oder gelesen haben, können sich jetzt kurz einen Kaffee machen. Alle anderen: Augen auf und Notizen machen, die folgenden Informationen sind prüfungsrelevant! 

Abbé de l'Epée (voller Name: Charles-Michel de l’Epée) gilt als "Vater der Gebärdensprache" - er hat die Gebärdensprache jedoch nicht erfunden. Gebärdensprache ist eine natürliche Sprache, die sich über Jahrhunderte entwickelt hat. Wenn sie also jemand "erfunden" hat, dann waren das die Gehörlosen selbst - Jahrtausende vor de l'Epée. Nichtsdestotrotz spielte der französische Priester eine ganz wichtige Rolle: Er beobachtete, dass Gehörlose mit den Händen kommunizieren und erkannte, dass sie eine Sprache haben, und wer eine Sprache hat, der kann unterrichtet werden. Er studierte diese Sprache und brachte sie zum ersten Mal auf Papier. Damit unterrichtete er zwei gehörlose Schwestern und weil das so gut funktionierte, konnte er 1771 die Institution Nationale des Sourds-Muets de Paris (Nationales Institut für "Taubstumme" Paris), die weltweit erste Schule für Gehörlose gründen.

 

Kleiner, aber wichtiger Zwischenstopp: Das Wort "taubstumm" bitte niemals benutzen. Für heutige Gehörlose ist es extrem verletzend. Wer gut mitgelesen hat, dem sollte jetzt klar sein, warum. Für alle anderen hier nochmals kurz zusammengefasst: Hörende erkannten über Jahrhunderte nicht, dass Gebärdensprache eine richtige Sprache ist und hielten Gehörlose damit für sprachlos - also stumm. Dazu kommt, dass das Wort "stumm" sehr nahe am Wort "dumm" liegt und wer will schon daran erinnert werden, dass Gehörlose dank jahrhundertelanger Unterdrückung auch heute noch als dumm angesehen werden? Eben. Ausserdem ist man nur wirklich "stumm", wenn der Sprechapparat, also die Stimmbänder oder der Kehlkopf, beschädigt sind. Ich kenne nur zwei Leute, bei denen das der Fall ist und beide sind hörend. Dass viele Gehörlose nicht in Lautsprache kommunizieren, liegt daran, dass dies oft seltsam klingt, sie nicht verstanden werden oder man sich über sie lustig macht. 

 

Weiter im Text. Abbé de l'Epée war jedoch leider nicht der Einzige, der sich für die Bildung von Gehörlosen interessierte. Fast zeitgleich unterrichte Samuel Heinike in Hamburg gehörlose Schüler*innen. Zwar bediente auch er sich einzelner Gesten, empfand diese aber als minderwertig und riet, Gesten oder sogar die Gebärdensprache möglichst selten zu verwenden. Durch Schüler*innen reicher Familien erlangte er hohen Bekanntheitsgrad, wodurch sich auch seine Methode - die orale Methode - schnell verbreitete, obwohl die Schüler*innen viel Zeit mit dem Erlernen korrekter Aussprache verloren. Ausserdem herrschte die Meinung vor, dass Gottes Wort nur in der Lautsprache vernommen und angenommen werden konnte. Gebärdende Gehörlose waren in den Augen vieler somit gottlos. In Amerika spielte der Erfinder des Telefons Alexander Graham Bell eine ganz ähnliche Rolle wie Heinike in Europa. Ich habe heutige Audiopädagogen in vielen verschiedenen Ländern getroffen, die leider auch heute noch genau diese hörende Arroganz an den Tag legen. Man nennt diese Art zu denken Audismus (nein, nicht Autismus, sondern aud mit einem d wie in audio) und ist eine Form von Ableism

 

Abbé de l'Epée und Heinike gerieten schon bald aneinander - und wenn Fachleute sich öffentlich streiten, wird daraus schnell eine Riesensache: Am 2. Februar 1783 fand in Zürich eine Debatte zwischen Heinike und den Anhängern von Abbé de l’Eppé statt. Der Abbé beabsichtigte damit eine Verbesserung der Bildung von Gehörlosen. Heinike wurde dabei dafür kritisiert, dass er bewusst «versuche, Abbé de l’Eppé nicht zu verstehen». Diese Debatte gilt als der Startschuss des folgenden, über 100 Jahre andauernden Methodenstreits, der seinen Höhepunkt im Mailänder Kongress 1880 fand. Bei Erwähnung des Mailänder Kongresses empfiehlt es sich, einmal leer zu schlucken. Denn was da beschlossen wurde, war nichts anderes, als die aktive, institutionalisierte Unterdrückung von Gehörlosen und der Gebärdensprache. Dabei hatte der Zweite internationale Taubstummen-Lehrer-Kongress ironischerweise das Ziel, das Los der "Taubstummen" zu verbessern. Rückblickend aber hat er bis heute für die Gemeinschaft der Gehörlosen katastrophale Folgen: Ausschliesslich hörende Pädagogen beschlossen , dass zukünftig nur noch die orale Methode verwendet werden solle. Die anwesenden gehörlosen Pädagogen hatten kein Stimmrecht. Die Gebärdensprache wurde komplett aus den Schulzimmern und den gesamten Bildungsinstitutionen verbannt, mit der Begründung, dass die Gebärdensprache den Erwerb der Lautsprache verhindere und die Entwicklung der gehörlosen Kleinkinder behindere. Als Folge wurden gehörlose Lehrkräfte entlassen. Und weil Menschen nicht genug kriegen können von Grausamkeit, wurden den Kindern teilweise die Hände hinter den Rücken gebunden. Dass sie für die Anwendung der Gebärdensprache verprügelt und/oder weiter bestraft wurden, versteht sich von selbst. Bis in die 80er Jahre blieb diese "Erziehung" gang und gäbe. Heutige erwachsene Gehörlose haben immer noch Mühe, in der Öffentlichkeit Gebärdensprache anzuwenden. 

 

Der Beschluss des Mailänder Kongresses wurde erst 100 Jahre später aufgehoben, doch die Schulen halten weiter an der oralen Methode fest. Heute gibt es in der Schweiz 2 (!) Schulen, die mit dem bilingualen Ansatz die Gebärdensprache als Unterrichtssprache haben, beide in Zürich. Neben den hörenden, in Lautsprache kommunizierenden Lehrpersonen, unterrichten gehörlose Klassenassistierende die Schüler*innen auf Gebärdensprache. Die eine Schule (Sek3) bietet anstelle vom Französischunterricht American SignLanguage an. (Wenn man als gehörlose Person nämlich barrierefrei studieren möchte, muss man dafür in die USA an die Gallaudet University, die einzige Universität für Gehörlose auf der Welt.) Eine weitere Schule in der Schweiz nutzt die Gebärdensprache offiziell teilweise als Unterstützung, die Unterrichtssprache ist jedoch die deutsche Lautsprache. An den anderen Schulen ist die Deutschschweizer Gebärdensprache unerwünscht. In Deutschland sieht es ganz ähnlich aus, dazu habe ich jedoch keine Zahlen.

Dadurch, dass Gebärdensprache immer noch keinen festen Platz in der Ausbildung von gehörlosen Kindern hat, verpassen die Kinder enorm viel und eine höhere Ausbildung ist extrem schwierig zu erhalten.

 

Erst 2010 an der internationalen Konferenz zur Bildung und Erziehung Gehörloser (ICED), Nachfolger des internationalen Taubstummen-Lehrer-Kongresses entschuldigte man sich in aller Form und anerkannte den Fehler des Gebärdensprachverbotes und dessen bis heute andauernden gravierenden Folgen für die Gemeinschaft, Kultur und Bildung der Gehörlosen weltweit. 

 

Doch schon VOR der Schulzeit haben die meisten gehörlosen Kinder keinen Zugang zu Sprache - hier ein fettes FUCKYOU an bestimmte Ärzte und Pädagogen, die an sich munter am Sprachentzug beteiligen. Der englische Fachausdruck dafür ist Language Deprivation. Ich empfehle dazu das Video von Nyle di Marco, einem gehörlosen Aktivisten. Language Deprivation hat gravierende Folgen auf die Gesamtentwicklung von Kindern: Ohne Zugang zu Sprache kann sich das Gehirn nicht altersgemäss weiterentwickeln. Die Lautsprache ist zu wenig zugänglich für gehörlose Kinder. Sie nehmen zu wenig Wortschatz auf und lernen keine grammatikalischen Strukturen. Sie lernen nicht, die Welt zu verstehen, weil niemand ihnen die Welt erklärt. 

 

Versteht mich nicht falsch - es ist wichtig, dass gehörlose Kinder Lautsprache (in schriftlicher Form!) lernen, immerhin kommuniziert der Grossteil der Erdbevölkerung in Lautsprache. Viel wichtiger ist es aber, dass die Kinder erst überhaupt eine Sprache lernen, auf der sie dann alles andere aufbauen können. Dazu eignet sich die Gebärdensprache nun mal einfach 1000x besser! Dies ist längst wissenschaftlich bewiesen, es gibt hunderte Studien dazu. Trotzdem entscheiden sich viele hörende Eltern aktiv gegen die Gebärdensprache. Warum? Sind sie grausam? Hassen sie ihre Kinder? Nein. Sie vertrauen auf die Ärzt*innen und Pädagog*innen, die ihnen davon abraten. Die Eltern sehen sie als Experten. Sie selbst sind noch damit beschäftigt, den Schock, ein gehörloses Kind bekommen zu haben, zu verarbeiten. Die Ärzte geben ihnen Halt und Vertrauen. Natürlich hören sie auf deren Rat! Warum allerdings die Ärzte auch heute noch diesen Bullshit von "GeBäRdEnSpRaChE vErHiNdErT, DaSs dAs KiNd rEdEn LeRnT" und "GeBäRdEnSpRaChE iSt KeInE rIcHtIgE SpRaChE!" rauslassen, liegt (vermutlich) an folgenden Punkten:

 

  1. Sie wissen es nicht besser: Im medizinischen Studium kommt das Thema Gebärdensprache oder der kulturelle Aspekt der Gebärdensprachkultur absolut nicht vor. Die angehenden Ärzt*innen haben keinen Kontakt zu Gehörlosen und ihr internalisierter Ableism lässt sie glauben, dass Gehörlose nur dann glücklich / erfolgreich werden können, wenn man sie mit einem Hörimplantat versieht. Sie lernen nur den medizinischen Aspekt eines Hörverlustes und wie man diesen "reparieren" kann.
  2. Sie lieben das Geld: Ein Hörimplantat für eine Seite kostet 50'000 bis 60'000 Euro.
  3. Sie vergessen wichtige Details: Dass weniger als 50% der Implantationen erfolgreich sind, das heisst, dass die gehörlosen Kinder damit einen weitestgehend unauffälligen Spracherwerb durchlaufen können.  (Die Statistiken dazu sind übrigens nicht öffentlich zugänglich und nur sehr schwer zu bekommen. Die Herstellerfirmen haben kein Interesse daran, solche Zahlen öffentlich zu machen.) Ebenso, dass f¨ür diesen Erfolg HARTE Arbeit nötig ist: Die Kinder müssen aktiv im Spracherwerb gefördert werden. Zeit und Energie, die auf Kosten ihrer Freizeit gehen. Ein Hörimplantat kann super funktionieren und einem gehörlosen Kind durchaus vieles erleichtern; beispielsweise kann es eventuell an eine Regelschule und hat damit grössere Chancen auf eine weiterführende Ausbildung. Oder aber es klappt nicht, die Eltern haben es verpasst, dem Kind Zugang zu Sprache zu gewähren und tja, Pech gehabt, liebes Kind.
  4. Es ist historisch bedingt: Die Ausbildung von heil- oder sonderpädagogischen Fachleuten wird von Hörenden  geleitet. Hörende, die aufgrund des Mailänder Kongresses an der oralen Methode von Heinike festhalten. Erst in den letzten paar Jahren findet dort langsam ein Umdenken statt. Das Erlernen oder Beherrschen der Gebärdensprache ist jedoch auch heute noch KEIN Bestandteil dieser Ausbildung in der Schweiz. Wie das in Deutschland oder Österreich aussieht, dazu habe ich keine Zahlen. 

 

Zurück zur Zwergensprache: Findige Leute haben irgendwann festgestellt, dass Kinder motorisch früher in der Lage sind, mit den Händen als mit dem Mund zu sprechen. Angelehnt an der American Sign Langague wurden daraufhin die Baby Signs kreiert - eine Art Esperanto für (hörende) Babys. Zwergensprache oder Baby Signs sind KEINE vollwertige, natürliche Sprachen - im Gegensatz zur Gebärdensprache. Doch damit kann viel Frustration in der Kommunikation vermieden werden, weil die Babys damit ausdrücken können, was sie gerade brauchen. Grossartig! Wichtig ist jedoch, dass parallel zur Zwergensprache immer auch gesprochen wird. Die hörenden Kinder sollen schliesslich nicht nur einzelne Wörter lernen. Bei gehörlosen Kindern ist es deshalb sinnvoller, gleich die Gebärdensprache zu verwenden. 

Da die meisten gehörlosen Kinder jedoch hörende Eltern haben, müssen die Eltern diese erst lernen. Das ist nicht ideal, aber es lohnt sich und ist immer noch besser, als sein Kinder sprachlos zu lassen. Parallel dazu ist es wichtig, dass die gehörlosen Kinder möglichst viel Kontakt zu anderen Gehörlosen jeden Alters haben und sich so an gehörlosen Vorbildern orientieren können. Die gehörlose Schauspielerin Emmanuelle Laborit (Mutter im Film "Jenseits der Stille") schreibt in ihrer Autobiografie "Schrei der Möwe", dass sie bis im Alter von 7 Jahren dachte, dass Gehörlose nicht erwachsen werden und sie einfach aufhöre zu existieren, da sie keine erwachsenen Gehörlosen kannte. Nochmals zur Verdeutlichung: Zahlreiche Studien beweisen, dass gehörlose Kinder, die mit Gebärdensprache als erste Sprache aufwachsen, die Lautsprache BESSER beherrschen als gehörlose Kinder, die von Anfang an nur lautsprachlich aufwachsen. 

 

Tl;dr:

1. Die Gebärdensprache wurde jahrhundertelang unterdrückt, der Zugang zu Wissen und Bildung für Gehörlose damit erschwert oder gar verunmöglichst. Gebärdensprache hat auch heute noch wenig Platz in der Gehörlosenpädagogik. 

2. Zwergensprache ist eine tolle Methode, die Kommunikation von hörenden Babys und ihren hörenden Bezugspersonen zu erleichtern.  Die Eltern sollte unbedingt immer parallel dazu oral sprechen, damit die Kinder die grammatikalische Struktur der Lautsprache lernen. Die Zwergensprache ist keine vollwertige Sprache und nicht vergleichbar mit der Gebärdensprache.

3. Gebärdensprache als erste Sprache hilft gehörlosen Kinder in ihrer Gesamtentwicklung und unterstützt den Lautspracherwerb.

 

Ich hoffe, ihr habt alle gut aufgepasst. Die schriftliche Prüfung findet in 5 min statt. Alle noch einmal aufs Klo und dann geht es los! 

 

 

2 Kommentare

Das magische Lippenlesen

Ich sitze im leeren Schulhaus an meiner Masterarbeit und versuche, den Gästen in der Shisha-Bar gegenüber von den Lippen abzulesen.

Doch, doch, ich bin voll konzentriert.

 

Funfact zum Lippen"lesen": In der deutschen Sprache kann BEI BESTEN BEDINGUNGEN (Beleuchtung gut, deutliche Aussprache, Lippen sichtbar etc.) gerade mal 30% an den Lippen erkannt werden. Der Rest ist Interpretation der Situation und der Körpersprache und ganz viel Rumraten. Der passendere Terminus zu "Lippen lesen" wäre also "raten". In der Fachliteratur wird heutzutage eher die Formulierung "von den Lippen absehen" verwendet.

 

Dass dem Typen in der Shishabar zu warm ist und er mit seiner Frau darüber diskutiert, dass Männer und Frauen unterschiedliche Ansichten zu Unterhemden haben, weiss ich also eher von ihrer Körpersprache, als dass ich das tatsächlich abgelesen hätte. Ich bin aber verdammt gut darin, Leute so zu lesen. Schüler*innen von mir fragten mich mal, ob ich Russisch könne, was ich irritiert verneinte. Sie sagten mir dann, ich hätte mehrmals richtig geantwortet, wenn sie auf Russisch miteinander redeten. Ich habe nicht mal gemerkt, dass sie nicht Deutsch sprachen, aber aus der Situation, der Mimik und der Körpersprache heraus war für mich absolut klar, wovon sie gerade redeten und reagierte entsprechend. Bäm, Deaf Superpowers!

Wer wissen möchte, wie schwierig und fehlerlastig Lippen "lesen" ist, dem empfehle ich dieses Video (und den Artikel dazu). 

 

Zurück zu den idealen Bedingungen zum Lippen"lesen": Nachrichtensprecher würden diese erfüllen, damit hat man aber immer noch erst 30% der Information. Der Rest lässt sich nicht ableiten, da die Nachrichtensprecher wie Stockfische dasitzen. Ich kann also vielleicht durch ein eingeblendetes Bild erkennen, dass es um Roger Federer geht. Aber die Mimik und die Körperhaltung des Nachrichtensprechers könnten alles Mögliche bedeuten. Vielleicht ist Federer gestorben, vielleicht hat er gewonnen? Keine Ahnung. Vielleicht erkenne ich: "Ro Federer gewonnen Wimbledon" (Wimbledon erkenne ich, weil Konnotation Federer-Tennis-Wimbledon). Vielleicht sagte der Sprecher aber: "Roger Federer hat nicht gewonnen." Und DESHALB braucht es Untertitel. Immer. Überall im TV.

Im Übrigen ist es fürs Lippen"lesen" essentiell, ein sehr grosses Wissen in möglichst vielen Bereichen zu haben. Ohne das kann man die Lücken nicht ausfüllen. Wenn ich also nicht weiss, wer Roger Federer ist, würde ich das Wort Wimbledon garantiert nicht ablesen können.

 

Wer noch mehr wissen möchte, findet noch mehr zum Thema beim Schweizerischen Gehörlosenbund oder Deutschen Gehörlosenbund  und/oder zahlreichen weiteren Fachseiten.

 

So, ich muss jetzt wieder an meine Masterarbeit.

mehr lesen 0 Kommentare

Rollstuhl versus Hörimplantat

Der Rollstuhl hat ein Imageproblem. Das Hörimplantat hat ein Realitätsproblem.

 

Stephen Hawkings ist gestorben und die Zeitungen überschlugen sich mit Formulierungen wie "der an den Rollstuhl gefesselte Physiker", der "trotz seiner Behinderung" klug war und überhaupt war es unfassbar, dass "ein Behinderter" auch was erreichen konnte.

Sicher wie das Amen in der Kirche folgen auf solche Ausdrücke Kommentare von Menschen mit einer Behinderung, die um eine angemessene Sprache bitten. Viele schrieben, dass sie keineswegs "an den Rollstuhl gefesselt" seien, sondern im Gegenteil durch den Rollstuhl ein hohes Mass an Beweglichkeit und Unabhängigkeit erreichen können, was ihnen ohne Rollstuhl nicht möglich wäre. Noch sicherer folgen auf solche Erklärungen Antworten von Menschen ohne Behinderung, die erklären, warum ein Rollstuhl ganz furchtbar ist und man sich sicher daran gefesselt fühle. Denn. Sie wissen es ja bestimmt besser. So als Aussenstehende. 

 

Mal ganz davon abgesehen, dass Menschen im Rollstuhl jegliche Selbstwahrnehmung abgesprochen wird, erstaunt mich immer wieder die völlig unterschiedliche Sicht auf verschiedene Hilfsmittel. Für viele "Abled-Bodies" ist ein Rollstuhl ein Monstrum, das den Menschen mit einer Behinderung noch mehr behindert. Er IST in deren Augen die eigentliche Behinderung. Ganz anders die Sicht bei einem Hörimplantat. Das CI* wird völlig verklärt als Wunderheilmittel betrachtet. Man muss Gehörlose nur aufschneiden, dieses technische Wunder reinmachen, zunähen und die Engelein werden singen! Ehrlich! 

 

Schuld daran ist unter anderem die Werbung der Herstellerfirmen von Hörimplantaten (und auch von Hörgeräten). Dort wird eine so quietschglückliche Welt gezeichnet, dass sich vermutlich sogar hörende Personen spontan ein Hörimplantat wünschen. Und dann diese "Erstanpassungs-Videos" in den Social Media. Hach, ein Implantat macht aus jeder noch so traurig gehörlosen Person eine glückliche hörende! Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, aber: Ein Hörimplantat macht aus einer gehörlosen Person keine hörende Person. Eine gehörlose Person wird damit je nach Definition eine schwerhörige Person oder bleibt eine gehörlose Person, die hören kann. Gehörlosigkeit ist halt nicht einfach eine Behinderung, für viele Gehörlose ist das ein Teil ihrer Identität und ihrer Kultur. Darum besteht für sie auch kein Grund, "geheilt" zu werden. So oder so, ein Hörimplantat bleibt ein Hilfsmittel. Ein Wunderheilmittel ist es nie. Das Hörimplantat hat ein Realitätsproblem.

 

Vielleicht sollten Rollstuhlfirmen auch anfangen, Brechreiz verursachend kitschige Videos zu produzieren, in denen Rollstuhlfahrer völlig gewöhnliche Dinge machen und dabei über das ganze Gesicht strahlen, während im Hintergrund alle glücklich lächeln. Vielleicht braucht es Videos, in denen Kinder das erste Mal mit einem Rollstuhl in der Gegend rumdüsen, komplexe mathematische Gleichungen an uralten Tafeln lösen und Erwachsene im Rollstuhl sitzend zu zu Tränen rührender Geigenmusik wichtig wirkende Präsentationen halten. Vielleicht würde Otto Normalo dann erkennen, dass ein Rollstuhl Mobilität bedeutet und nicht Fesseln.

 

Und die Werbefritzen von Hörimplante-Werbung sollten dringend mal einen Realitätscheck machen. Noch so ein Video und ich verbrenne das Internet.

 

 

 

 

1 Kommentare

Behinderung versus Kultur: Das Gruppengruselkabinett auf Facebook

Wenn ihr meinen Blog bisher verfolgt habt, wisst ihr, dass für viele Gehörlose die Gehörlosigkeit keine Behinderung ist. Sondern sie sehen sich als Angehörige einer Kultur. Falls ihr das nicht wusstet: Lest den Blog (nochmal).

Heute wurde mir klar, wo man das ganz besonders erkennen kann: auf Facebook! Ich nehme euch mit zu einer Gruseltour durch die Facebookgruppen von und für Menschen, die nichts oder nicht gut hören.

 

Auf Facebook gibt es diese praktische Möglichkeit, mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten. So dachte ich. Die tragische Wahrheit wollte ich lange nicht sehen, aber irgendwann bin ich aus allen Gruppen raus, ausser einer bestimmten Art von Gruppe. Diese werde ich ganz zum Schluss beschreiben. (Clickbait!)

 

"Einseitig Taube sind ganz behindert"

Ich selbst bin einseitig taub geboren und erst später vollständig ertaubt. Das Titelbild dieser Gruppe hat mich aber auf den ersten Blick begeistert, denn es zeigte einen Comic mit den Vorteilen einer einseitigen Ertaubung:

- "Der Nachbar macht wieder die ganze Nacht Party? Ich drehe mich einfach aufs taube Ohr und schlafe tief und fest."

- "In der Bibliothek sind wieder Leute, die nicht wissen, dass man an solchen Orten still sein sollte? Ich stütze meinen Kopf auf die Hand, drücke einen Finger ins hörende Ohr und widme mich konzentriert meinen Studien."

- "Eine Seite meiner Kopfhörer ist kaputt! Macht nichts, ich brauche ohnehin nur eine Seite."

Und so weiter. Eine einseitige Ertaubung bringt also durchaus Vorteile! Leider entsprach das Titelbild nicht der allgemeinen Tonalität der Gruppe. Das Mimimi überwog, man tat sich schrecklich leid. Einseitig taub, wir Armen! Der Post "Welche Berufe kommen für uns einseitig Taube in Frage??" und die Antworten darauf waren dann auch der Auslöser für mich, heftig auf den "austreten"-Button zu hauen. Lieber Fragesteller, um deine Frage zu beantworten: Einseitig Taube können alles machen, ausser stereo hören.

 

"Ich bin ertaubt, wo kann ich mich für den Weltuntergang anmelden?"

Ähnlich wie die erste Gruppe, sind Selbsthilfegruppengruppen für Menschen, die als Erwachsene ertaubt sind. Für sie bricht eine Welt zusammen und sie suchen andere, die das Gleiche durchmach(t)en wie sie. Ich kann verstehen, warum man als Spätertauber in solchen Gruppen ist. Teil davon möchte ich trotzdem nicht sein. Ich kann wirklich nicht unter jeden neuen Post schreiben, dass alles gut wird, die Welt nicht untergehen wird und dass man nicht plötzlich nicht mehr Auto fahren darf und immer noch genauso guten oder schlechten Sex wie vor der Ertaubung haben kann.

 

"Internationale Hörbehinderte"

Internationalität ist wichtig und spannend. Sie erlaubt es, sich mit anderen Kulturen auszutauschen und von dem Wissen und den Erfahrungen von anderen zu profitieren. Nach diesem Prinzip arbeiten viele internationale Dachvereine, wo auch ich einige Jahre im Vorstand mitgearbeitet habe. Nun ist es aber eher schwierig, wenn in diesen Gruppen nicht-englische Artikel oder Beiträge gepostet werden. Bestimmt ist dieser Artikel aus Uganda mit den süss lachenden Hörgeräte-Kindern im Titelbild sehr spannend und auf jeden Fall möchte man diesen Mann, der stolz eine Medallie, auf der ein fettes Schwerhörigen-Symbol prangt, für seine zweifelsohne aussergewöhnliche Leistung beglückwünschen. Wenn man nur Chinesisch könnte! Es ist einigermassen ironisch, dass ausgerechnet eine Gruppe für Menschen, die im realen Leben schon genug mit Kommunikationsbarrieren zu kämpfen haben, auch noch auf Facebook solche verursacht. Spannende Artikel in nur einer Sprache sollte man vielleicht besser in nationalen Gruppen teilen oder wenigstens eine kurze englische Zusammenfassung liefern. 

 

"Wir müssen uns upgraden!"

In eine ähnliche Kerbe wie die ersten zwei Gruppen schlägt auch diese Gruppe. Mitlglieder dieser Gruppen sind ständig auf der Suche nach einer Verbesserung ihres Hörvermögens und verbrauchen dafür unglaublich viel Energie. Es werden fleissig die neuesten Hörgeräte und Hörimplantate geteilt und bewertet. Kein Sitzungsmikrofonsystem, das hier nicht ausführlich auseinander genommen wird. Diese Beiträge werden auch gerne mit von Rührung triefenden Werbefilmchen der Hersteller geschmückt, in denen perfekte Kinder ihre Mütter mit Geigenspielen verzüchten, glücklich lachend mit Papa Hand in Hand über Wiesen hüpfen und Erwachsene, die höchst erfolgreich irgendwelche wichtig aussehenden Präsentationen vor ebenso glücklichen Anzugträgern halten. Hach, wie schön die Welt doch ist. Wenn man das perfekte Hörgerät hat. Oder ein Hörimplantat. Überhaupt, habt ihr alle schon dieses allerallerneuste Video von diesem Baby gesehen, dass seine Mama zu ersten Mal anlacht, als man sein neues Hörimplantat eingestellt hat?! 

Wenn man sich aber den ausgekotzten Regenbogen aus den Mundwinkeln gewischt hat, kann man in diesen Gruppen wirklich gute und neue Infos sammeln, die man sich sonst mühsam selbst zusammen suchen müsste, oder man müsste sich voll und ganz darauf verlassen, dass sich der eigene Akustiker in solchen Gruppen tummelt. 

 

"Gebärdensprache ist böse! Verbrennt sie!"

Es gibt eine bestimmte Art von Menschen mit einer Hörbehinderung, die von Gebärdensprache absolut nichts wissen wollen. Sie halten sie für

a) eine primitive Art der Verständigung

b) eine Verhinderung zur Interaktion mit der Welt. (Und es gibt nur eine Welt und zwar die der Hörenden.)

c) zu kompliziert

In diesen Gruppen wird darüber diskutiert, wie man den (hörenden) Menschen klarmachen kann, dass man sie, ihre Ahnen und ihre Kuh* zu Tode beleidigt hat, wenn man sie fragt, ob man für sie einen Gebärdensprachdolmetscher organisieren soll.  Überhaupt sei es total unfair, dass man bei Gehörlosen nur an Gebärdensprache denke. Dabei geben sich diese Gruppenmitglieder so viel Mühe, den Hörenden dermassen tief in den Arsch zu kriechen, dass es ohnehin viel zu dunkel wäre, um Gebärdensprache erkennen zu können.

 

*Schaut den Film Mulan. Der hat zwar absolut nichts mit dem Thema Gehörlosigkeit zu tun, aber er ist gut. Und je mehr Disneyfilme ihr schaut, desto mehr Disneyreferenzen kann ich in meine Texte streuen. 

 

"Wir Angehörigen von Betroffenen"

Gleich vorweg: Habt ihr in eurem Umkreis Menschen mit einer Hörbehinderung, meldet euch nicht in dieser Gruppe an. Natürlich habt ihr Fragen, natürlich wollt ihr euren Liebsten oder diesem neuen schwerhörigen Mitarbeiter so gut wie möglich helfen. Ich habe da einen ganz krassen Life-Hack für euch: Fragt. die. betreffende. Person.

Mind: Blown!

Aber mal im Ernst: Fragen wie "Soll ich für meinen Freund die Gebärdensprache lernen?" oder "Warum ist der neue Mitarbeiter taub?" kann euch im Internet keiner beantworten. Auch Fragen von allgemeinem Interesse wie "Wie kann ich mein Kind dazu bringen, dass es sein Hörgerät nicht dauernd heimlich ausstellt?" lassen sich hier einfach nicht wirklich beantworten. Das Schlimmste aber finde ich diese Angehörigen, die sich ganz furchtbar leid tun, weil ihr Kind mit einer Hörbehinderung geboren wurde / ihr Partner ertaubt ist / sie unglücklich in diese gehörlose Frau im Bus verliebt sind. Es ist schon genug daneben, mit Gehörlosen und Schwerhörigen ihres Hörvermögens wegen Mitleid zu haben. Aber sich auch noch selbst leid zu tun, weil eine gehörlose oder schwerhörige Person in ihrem Leben ist, ist wirklich ein starkes Stück. Haut euch doch einfach jeden Morgen selbst ins Gesicht. Dann könnt ihr euch wirklich leid tun.

 

"Gehörlose können alles, ausser hören."

In Gruppen mit gebärdensprachlichen Gehörlosen geht es um vieles: Um Hörgeräte, um Reisen, um Musik, um Politik, um die seltsame Frau an der Bushaltestelle vorhin, um die Schule, um den blöden Boss, um den süssen Verkäufer im Supermarkt, um den internationalen Tag der Gebärdensprache, um die Buchvernissage eines neuen Comicbuches eines gehörlosen Zeichners, um den Uniabschluss der ersten gehörlosen Studentin eines Landes, um Missverständnisse mit Hörenden, um diese gehörlose Sängerin in America's got Talent, um Sign Mark, um das Vorlesungsverzeichnis der Gallaudet University und  und und ...

Worum es da nicht geht? Um Selbstmitleid. 

 

 

 

 

 

1 Kommentare

Die Sache mit dem Energiemanagement

Nichthörend zu sein, kostet Energie. Die Schwerhörigkeit selbst ist nicht die (primäre) Behinderung, sondern der damit verbundene massiv erhöhte Energieverbrauch. Ich möchte dazu einige Erlebnisse aufschreiben, um euch einen Einblick in das tägliche Energiemanagement zu geben. Ausschlag für diesen Artikel war folgende Begebenheit:

 

Vor ein paar Monaten war ich wieder mal im Café des Signes und habe es sehr genossen, mich intensiv auf Gebärdensprache unterhalten zu können. Leider bin ich da etwas eingerostet, da meine gebärdensprachlichen Freunde über die ganze Schweiz (und Deutschland) verteilt sind und ich sie daher nicht so oft sehe. Als ich nach ein paar Stunden nach Hause fuhr, merkte ich, dass ich mich immer noch ziemlich fit f¨ühlte. Normalerweise bin ich, wenn ich aus war, dananch fix und fertig. Und egal, wie toll ein Abend mit Freunden war, könnte ich auf dem Heimweg immer vor Erschöpfung heulen. Selten wurde mir wie auf dieser Zugfahrt nach Hause bewusst, wie anstrengend lautsprachliche Kommunikation ist.

 

Ist es nicht absurd, wie viel weniger Energie es mich kostet, eine (gebärdensprachliche) Fremdsprache zu benutzen als meine Laut-/Muttersprache?

 

Kommen ein paar Schwerhörige zusammen, kommt sehr schnell das Thema Barriere und/oder Hörgeräte-Versorgung auf. Denn es ist ganz einfach ein RIESENGROSSER Teil ihres Lebens! Die meisten Schwerhörigen bewegen sich grösstenteils in der hörenden Welt, benutzen die Lautsprache und kommunizieren mit Hörenden, auch ich. Und das ist unglaublich anstrengend. Ich versuche, das mal zu erklären:

 

Stellt euch vor, ihr seid in einem Sprachaufenthalt in einem Land, dessen Sprache ihr gerade mal auf dem Grundniveau beherrscht. Ihr könnt einigermassen einen Kaffee bestellen und freundlich Smalltalk führen, werdet ihr nach dem Weg gefragt, könnt ihr freundlich lächelnd erklären, dass ihr euch hier selbst nicht auskennt. Nun müsst ihr aber auch auf Ämter, ihr müsst im Bus nach dem richtigen Ticket fragen, ihr steht am Bahnhof und euer Zug fährt nicht so, wie es angeschrieben ist, die Verkäuferin an der Kasse versucht, euch klar zu machen, dass ihr ihr zu wenig Geld gegeben habt und so weiter. Natürlich hört ihr zwar gut, aber die fremde Sprache macht es euch dennoch schwer, an Informationen zu kommen, die ihr wirklich braucht. Am Ende des Tages werdet ihr k.o. ins Bett fallen und euch fragen, ob ihr das auf dem Amt richtig verstanden habt und wirklich alle Fristen richtig notiert habt, ob der Bus morgen zur Schule / zum Arbeitsplatz richtig recherchiert ist, was ihr macht, wenn der Zug wieder so viel Verspätung habt und in welches Geschäft ihr in Zukunft einkaufen gehen sollt, weil ihr nie wieder dieser einen Verkäuferin begegnen wollt. Ihr schlaft mit mit Gedanken ein, dass ihr unbedingt mehr Wortschatz lernen müsst.

 

Schwerhörige können aber nicht einfach mehr Wortschatz lernen. Den können sie ja schon! Aber sie verstehen ihn nicht, weil 

a) die meisten Leute einfach total undeutlich sprechen und ungern wiederholen,

b) es immer viel Hintergrundlärm gibt, der die Stimmen verschluckt,

c) sie nach dem dauernden von den Lippen-Ablese-Versuchen einfach keine Energie mehr haben,

d) immer und überall Musik laufen muss. Ernsthaft, was soll der Scheiss?!

 

Wenn ich an meine Schulzeit in der Regelschule zurückdenke, sehe ich mich entweder gelangweilt aus dem Fenster starren, ob versuchen, nicht zu weinen, weil alle über mich lachen und ich keinen Plan habe, warum. Gerade letzeres ist als Kind natürlich sehr unangenehm und ich war sehr oft in dieser Situation. Meistens sagte oder machte ich etwas, weil ich die Lehrperson und/oder die Mitschüler falsch verstanden hatte. Die Lehrpersonen waren unsensible Klötze* und die Schüler hielten mich schlicht für dumm. Weil es so supersupersuperanstrendend war, mich dauernd auf Lehrerlippen zu konzentrieren, die meistens sowieso zur Tafel statt zur Klasse redeten, schaute ich meistens einfach gelangweilt aus dem Fenster. Wurde ich dann (meistens gerade wegen meiner Rumträumerei) aufgerufen (worauf ich erst reagierte, wenn mich jemand anstiess), reagierte ich meist instinktiv so, wie ich annahm, dass es die Situation verlangte. Ich sagte also wahlweise einfach irgendeine Zahl im Matheunterricht oder "ich weiss es nicht" oder ja/nein in allen anderen Stunden. War da die Frage der Lehrperson, ob ich da sei und ich mit nein antwortete, war das für die anderen natürlich witzig. Antwortete ich mit der völlig falschen Zahl, war ich dumm. Stand ich auf, in der Annahme, dass ich an die Tafel oder so sollte, lachten natürlich auch alle. In der Sekundarschule (7. -9. Klasse) sagte ich dann einfach gar nichts mehr. Ich verstummte fast komplett.

Wenn ich mich aber zusammenriss und dem Unterricht wirklich folgte (den Deutschunterricht und Geschichte, Bio etc. fand ich unglaublich spannend), kostete das Energie. Und zwar viel. Sehr viel. Wenn dann in der Pause alle Kinder spielen wollten, zog ich mich in eine ruhige Ecke zurück, um meinen Energiebalken wieder aufzufüllen. Wurde ich dabei gestört, reagierte ich aggressiv. So wurde ich schnell "die Tollwütige". 

An den meisten Schultagen verschlief ich mittags (in der Schweiz geht man mittags nach Hause) das Mittagessen und fiel nach dem Nachmittagsunterricht direkt ins Bett. Zum Spielen verzog ich mich in den Wald, wo ich nicht kommunizieren musste, oder verschwand in Büchern - einer Welt, in der es keine Barrieren für mich gab.

 

Ähnlich ging es mir dann auch im Studium. Da hatte ich zwar längst meine Strategien entwickelt, aber ich WOLLTE mitmachen, ich WOLLTE dem Unterricht folgen, ich WOLLTE mitdiskutieren und das tat ich auch. Im ersten Semester meines Masterstudiengangs verzog ich mich nach einer Doppelstunde jeweils aufs Klo und heulte einfach mal die Pause durch, weil ich so erschöpft war. Nach einem Semester war mir klar, dass ich das nicht so weiter durchhalten konnte und beantragte einen Schriftdolmetscher. Statt einer Bewilligung erhielt ich eine "Einladung zum Berufsberatungsgespräch", denn offenbar dachte man, dass ich mit meiner "Hörbehinderung" ja wohl unmöglich als Lehrerin arbeiten könne (was ich zu diesem Zeitpunkt seit schon 4 Jahren tat). Also organisierte ich mehrere Empfehlungsschreiben von Dozenten und meiner Chefin, die alle bestätigten, dass ich sehr wohl als Lehrerin tätig sein könne und diese Aufgabe auch noch sehr gut erfüllen würde. Vor dem "Berufsberatungsgespräch" habe ich kein Auge zugetan und ging dann in vollem Businessoutfit und mit kompletten (sehr guten!) Bewerbungsunterlagen inklusive aller Empfehlungsschreiben an dieses Gespräch. Zum Glück war der zuständige Bearbeiter sehr nett und verstand sofort, dass eine Berufsberatung hier überflüssig wäre. Ich bekam meine Dolmetscher zugesprochen. Also meldete ich mich bei ProAudito, musste dann erst meine Dozenten wegen des Stundenplans nerven, damit ProAudito überhaupt eine Offerte erstellen und Dolmetscher einplanen konnten, schickte alles dem Amt, musste einige weitere Dokumente ausfüllen, den Dozenten wegen Unterrichtmaterial nachrennen (damit die Dolmis sich vorbereiten konnten) und das ganze Spiel jedes Semester wieder aufs Neue. Jedesmal kostete das mehrere Stunden Aufwand, aber dafür konnte ich endlich entspannt dem Unterricht folgen. Hörende Studierende setzen sich einfach ins Seminar und gut ist. Sie können sogar noch rumkritzeln oder gleichzeitig simsen etc. Solchen Luxus kann ich mir nicht leisten. Will ich etwas mitkriegen, muss ich 100% da sein, die sprechenden Personen anstarren (oder auf den Bildschirm des Dolmis) und absolut konzentriert sein.

Freunde findet man mit einem Dolmetscher an der Seite übrigens eher weniger. Die hörenden Studis getrauen sich nicht, einen anzusprechen, weil sie nicht wissen, ob man sie überhaupt versteht ohne Dolmetscher. Man ist einfach "die Komische". Das wiederum ist hinderlich, wenn man mal Lektionen verpasst und jemanden sucht, der einem seine Notizen überlässt.

 

Zusammenfassung: Weniger als der Durchschnitt zu hören, ist anstrengend. Man muss sich überall beweisen und besser sein als der Durchschnitt, um als noch genügend wahrgenommen zu werden (vor allem beruflich!). Man muss sich ständig um Kommunikation kümmern und am Ende des Tages ist man einfach nur müde. 

 

Nachtrag: Falls du nicht so gut hörst und du KEIN Hörgerät hast, tu dir selbst einen Gefallen und besorge dir eins. Vielleicht kannst du auch ohne den Gesprächen folgen, vielleicht verstehst du alles, was man dir sagt, aber es kostet dich einfach mehr Energie als andere. GEH ZUM AKUSTIKER! Mach einen Hörtest, zieh das verdammte Ding an und spar dir deine Energie für wichtigere Dinge! Niemand hat etwas davon, wenn du abends müde und schlecht gelaunt bist, am allerwenigsten du. Keiner sagt danke, weil du kein Gerät am Ohr trägst. Ich sage es noch einmal: Die Schwerhörigkeit selbst ist nicht die (primäre) Behinderung, sondern der damit verbundene massiv erhöhte Energieverbrauch.  

 

Nachtrag 2: Ich habe mich hier einfach quer durch das Thema getippt und deshalb gibt es vermutlich Punkte, die nicht ganz so klar sind. Deshalb bin ich gerne bereit, eure Fragen zu beantworten und/oder Stellen zu erklären.

 

*Ich muss hier erwähnen, dass ich einen Lehrer hatte, der sich sehr viel Mühe gab. Er sprach beispielsweise erst weiter, wenn alle Kinder ihre Hefte rausgeholt hatten, blickte immer in die Klasse und schrieb immer alles an die Tafel. Ich konnte ihn zwar auf den Tod nicht ausstehen, aber im Rückblick ist mir klar, dass er sich wirklich Mühe gab und das ist super! Herr Bischof, falls Sie das hier lesen, soll mich der Blitz treffen! :-)

mehr lesen 2 Kommentare